Vor fünf Jahren veränderte die Flutkatastrophe vom 14. und 15. Juli 2021 das Leben vieler Menschen in Eschweiler – und auch das unserer Schulgemeinschaft.

Die Willi-Fährmann-Schule wurde von den Wassermassen schwer getroffen. Innerhalb weniger Stunden wurden Klassenräume, Unterrichtsmaterialien, Möbel und vieles von dem zerstört, was unseren Schulalltag ausgemacht hatte.

Viele von uns erreichten die ersten Bilder mitten in den Sommerferien oder sogar im Urlaub. Was wir auf den Fotos sahen, war kaum zu begreifen. Die eigentliche Dimension der Zerstörung wurde uns jedoch erst bewusst, als wir selbst vor unserem Schulgebäude standen. Die Verwüstung, die Stille und die Fassungslosigkeit dieses Moments werden viele von uns nie vergessen.

Mit der Flut verloren unsere Schülerinnen und Schüler ebenso wie das gesamte Kollegium weit mehr als nur ein Gebäude. Wir verloren unser schulisches Zuhause – einen Ort voller Erinnerungen, gemeinsamer Erlebnisse und gewachsener Beziehungen. Für viele Kinder war die Schule ein wichtiger Anker im Alltag. Für viele Mitarbeitende war sie über Jahre hinweg ein Ort des Lernens, Arbeitens und Zusammenlebens geworden.

Was dann geschah, war überwältigend.

Eltern, Schülerinnen und Schüler, Kolleginnen und Kollegen, ehemalige Mitarbeitende, Nachbarn, Hilfsorganisationen, Vereine, Unternehmen, die Stadt Eschweiler und unzählige Menschen aus nah und fern standen plötzlich an unserer Seite. Menschen, die wir kannten, aber auch völlig Fremde, packten selbstverständlich mit an.

Gemeinsam kämpften wir uns zunächst durch Schlamm, Schutt und Wasser – immer mit der Hoffnung, dass wir nach den Sommerferien vielleicht doch in unser Schulgebäude zurückkehren könnten. Drei Tage lang wurde geschleppt, gereinigt, geräumt und entsorgt. Nach diesen drei Tagen war das Gebäude zwar leer und von allem befreit, was zerstört worden war, doch es war wieder sauber. Zum ersten Mal keimte Hoffnung auf.

Besonders bewegt hat uns die Unterstützung von Helden für Tiere und vielen engagierten Eschweiler Bürgerinnen und Bürgern. Mit großem Einsatz, viel Herzblut und großzügigen Spenden wurde unser Tierbereich vollständig neu aufgebaut. Für unsere Schülerinnen und Schüler war dies weit mehr als der Wiederaufbau eines Geheges – es war ein sichtbares Zeichen dafür, dass nach einer Katastrophe wieder etwas Neues entstehen kann.

Mit der Zeit wurde jedoch deutlich, dass eine Rückkehr in unser Schulgebäude an der Martin-Luther-Straße auf lange Sicht nicht möglich sein würde.

Diese Erkenntnis war schmerzhaft.

Das Gebäude, das über viele Jahre das Zuhause unserer Schulgemeinschaft gewesen war, musste schließlich abgerissen werden. An seiner Stelle entsteht nun eine neue Willi-Fährmann-Schule, die nach modernen pädagogischen Konzepten geplant wird. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre fließen unmittelbar in diese Planungen ein. So entsteht nicht nur ein neues Gebäude, sondern ein Lernort, der den Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler von morgen gerecht werden soll.

Doch die Flut war nicht nach wenigen Wochen vorbei. Die eigentliche Herausforderung begann erst danach. Übergangslösungen mussten gefunden, Unterricht immer wieder neu organisiert und Materialien ersetzt werden. Gleichzeitig galt es, für unsere Schülerinnen und Schüler da zu sein, die teilweise selbst ihr Zuhause verloren hatten oder miterleben mussten, wie ihre Familien über Monate mit den Folgen der Flut kämpften. Schule wurde dadurch mehr denn je zu einem Ort der Stabilität, der Beziehung und der Verlässlichkeit.

Auch für unser Kollegium bedeuteten die vergangenen fünf Jahre eine außergewöhnliche Herausforderung. Immer wieder mussten neue Standorte bezogen, Räume eingerichtet, Abläufe angepasst und Unterricht unter veränderten Bedingungen organisiert werden. Was ursprünglich als kurzfristige Übergangslösung gedacht war, wurde zu einem langjährigen Provisorium, das allen ein hohes Maß an Flexibilität, Kreativität und Durchhaltevermögen abverlangte.

Die vergangenen fünf Jahre waren jedoch nicht nur Jahre des Wiederaufbaus. Sie waren auch Jahre der Weiterentwicklung. Vieles musste neu gedacht werden – pädagogisch, organisatorisch und räumlich. Aus der Krise entstanden neue Ideen, Projekte und Konzepte, die unsere Schule bis heute prägen. Rückblickend hat uns diese Zeit gelehrt, Herausforderungen nicht nur zu bewältigen, sondern sie auch als Chance zu nutzen, Schule gemeinsam weiterzuentwickeln.

Und dennoch entstand aus der größten Krise unserer Schule etwas, das uns bis heute trägt: ein außergewöhnlicher Zusammenhalt.

Viele Schulen öffneten ihre Türen für uns und ermöglichten es, den Unterricht unter schwierigsten Bedingungen fortzuführen. Dafür sind wir bis heute von Herzen dankbar. Gemeinsam gelang es, unseren Schülerinnen und Schülern trotz aller Unsicherheiten wieder einen geregelten Alltag zu ermöglichen – einen Ort, an dem Lernen, Begegnung und ein Stück Normalität wieder möglich wurden.

Heute lernen und arbeiten wir an unserem Ersatzstandort in der Franz-Rüth-Straße. Auch wenn dieser Ort ursprünglich nur eine Übergangslösung sein sollte, ist dort mit viel Engagement und Kreativität wieder ein lebendiger Lern- und Lebensort entstanden. Seit Januar 2024 sind alle Schülerinnen und Schüler sowie alle Mitarbeitenden wieder an einem gemeinsamen Standort vereint.

Fünf Jahre nach der Flut leben wir noch immer zwischen Provisorium und Zukunft.

Inzwischen sind fünf Jahre vergangen – und noch immer befindet sich unsere Schule in einem Provisorium. Dass unter diesen Bedingungen täglich Unterricht, Förderung, Beziehung und Schulleben gelingen, ist keine Selbstverständlichkeit. Es ist das Ergebnis des großen Engagements aller Beteiligten.

Besonders beeindruckend ist dabei der Blick auf unsere Schülerinnen und Schüler. Viele Kinder und Jugendliche kennen inzwischen keinen anderen Schulalltag mehr als den an unserem Ersatzstandort. Trotzdem ist es ihnen gelungen, ihre Schule mit Leben zu füllen, Beziehungen aufzubauen und diesen Ort zu ihrem schulischen Zuhause auf Zeit werden zu lassen. Diese Selbstverständlichkeit, mit der sie Veränderungen annehmen und jeden Tag aufs Neue meistern, verdient unseren größten Respekt.

Gleichzeitig richtet sich unser Blick nach vorne. Der geplante Neubau gibt uns Hoffnung und Zuversicht. Auch wenn bis zu seiner Fertigstellung noch einige Jahre vergehen werden, steht er für die Chance, Schule gemeinsam weiterzuentwickeln und unsere pädagogische Arbeit künftig in einer Umgebung fortzuführen, die den Bedürfnissen unserer Schülerinnen und Schüler gerecht wird.

Wir freuen uns deshalb nicht nur auf ein neues Gebäude. Wir freuen uns auf einen Ort, an dem unsere Schülerinnen und Schüler dauerhaft ankommen können – einen Ort, der Sicherheit vermittelt, Begegnungen ermöglicht und den besonderen Bedürfnissen unserer Schule gerecht wird. Bis dahin werden wir unseren Weg am Ersatzstandort mit derselben Überzeugung weitergehen, die unsere Schulgemeinschaft seit der Flut trägt. Der Neubau steht damit nicht nur für einen Neuanfang, sondern für das gemeinsame Ziel, auf das wir seit fünf Jahren Schritt für Schritt hinarbeiten.

Fünf Jahre später denken wir mit großer Dankbarkeit an all die Menschen zurück, die uns in den schwersten Tagen unterstützt haben. Ohne diese gelebte Solidarität wäre vieles nicht möglich gewesen.

Die vergangenen Jahre haben uns vor allem eines gelehrt: Geduld. Vieles hat deutlich länger gedauert, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Gleichzeitig haben wir gelernt, den Blick nach vorne nicht zu verlieren und auch in schwierigen Zeiten gemeinsam Lösungen zu finden.

Unser Dank gilt deshalb nicht nur den vielen Helferinnen und Helfern der ersten Tage nach der Flut. Er gilt ebenso allen Menschen, die unsere Schule bis heute begleiten, unterstützen und den langen Weg des Wiederaufbaus gemeinsam mit uns gehen. Denn Wiederaufbau endet nicht mit dem Aufräumen. Wiederaufbau bedeutet Ausdauer, Vertrauen und das gemeinsame Ziel, Schritt für Schritt Zukunft zu gestalten.

Die Flut hat vieles zerstört. Sie hat Gebäude beschädigt, Erinnerungen fortgespült und unseren Alltag vollkommen verändert.

Doch sie hat nicht unseren Zusammenhalt zerstört.

Sie hat nicht unsere Hoffnung genommen.

Und sie hat nicht unsere Haltung verändert.

Im Gegenteil: Sie hat uns gezeigt, wie viel Kraft in einer Schulgemeinschaft steckt, wenn Menschen füreinander einstehen, Verantwortung übernehmen und sich gegenseitig tragen.

Wenn wir heute auf die vergangenen fünf Jahre zurückblicken, sehen wir nicht nur, was wir verloren haben. Wir sehen vor allem, was wir gemeinsam aufgebaut haben. Unsere Schule ist eine andere geworden. Vielleicht nicht einfacher. Aber stärker. Zusammengewachsener. Und überzeugt davon, dass Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden können.

Als Schulleiterin erfüllt es mich mit großer Dankbarkeit, Teil dieser außergewöhnlichen Schulgemeinschaft zu sein. Die vergangenen fünf Jahre haben mir eindrucksvoll gezeigt, wie viel Stärke, Menschlichkeit und Zusammenhalt in den Menschen steckt, die unsere Schule ausmachen. Darauf bin ich stolz.

Die Flut wird immer ein Teil unserer Schulgeschichte bleiben. Vor allem erinnert sie uns daran, dass die eigentliche Stärke einer Schule nicht aus Mauern besteht, sondern aus den Menschen, die sie jeden Tag mit Leben füllen.

Denn unsere Schule besteht nicht aus Gebäuden.

Sie besteht aus Menschen.

Wir finden Wege.

Damals.

Heute.

Und in Zukunft.